Ihsane Jarfi

Ihsane Jarfi
Ihsane Jarfi

Episodenbeschreibung

Der Fall Ihsane Jarfi schildert die Entführung und Ermordung eines jungen Mannes in Lüttich, ein Verbrechen, das als erster offiziell anerkannter homophober Mordfall in die belgische Rechtsgeschichte einging. Die Episode zeichnet Ihsanes Leben vor der Tat nach, rekonstruiert die Nacht seines Verschwindens, den Fund der Leiche und die Ermittlungen, die ein Ausmaß extremer, durch Hass motivierter Gewalt offenlegten. Ein Fall, der Rechtsprechung, Öffentlichkeit und den Kampf gegen Homophobie nachhaltig veränderte.



Ihsane Jarfi – Mord aus Hass in Belgien

Ein Verbrechen, das Belgien veränderte

Der Mord an Ihsane Jarfi gehört zu den erschütterndsten Gewaltverbrechen der jüngeren belgischen Geschichte. Nicht nur wegen der extremen Brutalität, sondern weil der Fall 2014 erstmals juristisch als homophob motivierter Mord anerkannt wurde. Der Fall steht bis heute als Mahnung dafür, wie Vorurteile, Gruppendynamik und Gewalt eskalieren können.

Ihsane Jarfi – Leben zwischen Familie und Identität

Ihsane Jarfi wurde 1979 in Belgien geboren und wuchs in der Region um Lüttich in einer Familie marokkanischer Herkunft auf. Er war der älteste Sohn in einer religiösen, eng verbundenen Familie, in der Arbeit, Verantwortung und familiärer Zusammenhalt zentrale Werte waren.

Er galt als ruhig, höflich und anpassungsfähig. Freunde beschrieben ihn als warmherzig, sozial und fürsorglich. Ihsane arbeitete im Dienstleistungs- und Einzelhandelssektor, lebte selbstständig in Lüttich und führte ein stabiles Stadtleben mit Arbeit, Freunden und sozialen Kontakten.

Gleichzeitig lebte er in einem inneren Spannungsfeld. Ihsane war homosexuell. Während er sich außerhalb der Familie offen in der LGBTQ-Szene bewegte, blieb dieses Thema im Elternhaus weitgehend unausgesprochen. Sein Vater Hassan Jarfi hat später offen darüber gesprochen, wie Schweigen, Distanz und fehlende Akzeptanz die Beziehung belasteten.

Die Nacht des Verschwindens

Am Abend des 22. April 2012 hält sich Ihsane im Zentrum von Lüttich auf. Er besucht die bekannte Schwulenbar Open Bar, wo er allein, aber kontaktfreudig ist. Zeugen beschreiben ihn als ruhig und gesellig. Es gibt keine Berichte über Streit oder Konflikte.

Kurz vor Schließung der Bar verlässt Ihsane das Lokal. Draußen steht eine Gruppe junger Männer in einem dunklen Volkswagen Polo. Videoaufnahmen zeigen, wie Ihsane mit ihnen spricht und schließlich freiwillig in das Auto einsteigt. Es gibt keine Anzeichen von Zwang oder Gewalt.

Das Fahrzeug fährt davon. Es ist das letzte Mal, dass Ihsane Jarfi lebend gesehen wird.

Eine Woche des Wartens

In den folgenden Stunden und Tagen meldet sich Ihsane nicht. Sein Telefon bleibt stumm, er erscheint nicht zu Hause, es gibt keine Bankbewegungen und keine digitalen Spuren. Die Familie schlägt Alarm. Die Polizei beginnt mit Ermittlungen, doch zunächst fehlen konkrete Ansatzpunkte.

Die Ermittler konzentrieren sich schnell auf die letzte bekannte Beobachtung vor der Open Bar und auf das Fahrzeug, in das Ihsane eingestiegen ist. Über Überwachungskameras, Mobilfunkdaten und Zeugenaussagen wird die Spur der Männer rekonstruiert.

Der Fund der Leiche

Am 1. Mai 2012 wird Ihsane Jarfi in einem Feld bei Villers-le-Temple, in der Gemeinde Nandrin südwestlich von Lüttich, gefunden. Der Ort liegt abgelegen, fern von Wohngebieten und nicht an einer Durchgangsstraße.

Der Körper ist schwer misshandelt, teilweise entkleidet und weist massive Verletzungen auf. Schnell wird klar, dass der Fundort nicht der Tatort ist. Es gibt keine Spuren eines Kampfes im Gelände. Alles deutet darauf hin, dass die Leiche dort abgelegt wurde.

Forensische Erkenntnisse

Die Obduktion zeigt ein Bild extremer Gewalt. Ihsane Jarfi erlitt zahlreiche Rippenbrüche, innere Verletzungen, massive Schläge gegen Kopf und Oberkörper. Die Verletzungen sind über den gesamten Körper verteilt und weisen auf wiederholte, lang andauernde Gewalt hin.

Er wurde nicht sofort getötet. Die Gerichtsmedizin stellt fest, dass er mehrere Stunden überlebte. Die Todesursache ist eine Kombination aus inneren Blutungen, Organversagen und schweren Traumata.

Es gibt keine Stich- oder Schussverletzungen. Die Gewalt wurde mit Händen, Füßen und möglicherweise stumpfen Gegenständen ausgeübt. Die Befunde zeigen zudem Abwehrreaktionen – Ihsane war bei Teilen der Misshandlung bei Bewusstsein.

Die Ermittlungen verdichten sich

Die Polizei identifiziert vier junge Männer, die sich in jener Nacht gemeinsam im Volkswagen Polo befanden. Ihre Bewegungen werden anhand von Mobilfunkdaten, Kameraaufnahmen und Vernehmungen minutiös rekonstruiert.

Die Aussagen der Verdächtigen widersprechen sich. Versionen ändern sich, Verantwortlichkeiten werden verschoben. Technische Spuren im Fahrzeug, an Kleidung und an den Körpern der Täter belegen jedoch, dass die Gewalt im Auto und an mehreren Zwischenstopps stattfand.

Im Verlauf der Ermittlungen wird ein zentrales Motiv sichtbar: Homophobie. In Vernehmungen und Zeugenaussagen tauchen beleidigende, abwertende und aggressive Aussagen über Ihsanes Sexualität auf. Die Gewalt war nicht zufällig, sondern zielgerichtet und entwürdigend.

Der Prozess

2014 beginnt der Prozess vor dem Schwurgericht in Lüttich. Vier Männer stehen wegen Mordes mit erschwerenden Umständen und Hassmotiv vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft beschreibt eine gemeinsame Tat: Entführung, Misshandlung, Demütigung und letztlich das Zurücklassen eines schwer verletzten Mannes. Die Gewalt sei kollektiv, fortgesetzt und von Hass motiviert gewesen.

Die Verteidigung versucht, individuelle Rollen herunterzuspielen und Verantwortung aufzuteilen. Doch das Gericht folgt der Argumentation der Anklage.

Die Urteile

Das Gericht erkennt die Tat als homophob motivierten Mord an – ein Novum in Belgien.

Drei der Angeklagten werden zu lebenslanger Haft verurteilt. Der vierte erhält eine Freiheitsstrafe von 30 Jahren. Das Gericht stellt klar, dass Beteiligung, Mitwirkung und Unterlassen ausreichend für strafrechtliche Verantwortung sind.

Wirkung und Vermächtnis

Der Fall Ihsane Jarfi hat Belgien nachhaltig geprägt. Er wurde zum Wendepunkt im juristischen Umgang mit Hassverbrechen. Ihsanes Vater Hassan Jarfi gründete später die Fondation Ihsane Jarfi, die sich gegen Homophobie, Rassismus und Gewalt engagiert.

Ihsane Jarfi wurde zu einem Symbol – nicht nur für ein Opfer, sondern für die Folgen von Hass, Schweigen und Ausgrenzung.


YOUTUBE

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PODCAST

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